Klein-Davy (Comic): Unterschied zwischen den Versionen
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[[Bill Walsh]], der seit 1943 bei den [[TWDC|Disney-Studios arbeitete]], schrieb nicht nur von 1943 bis 1962 den Micky-Maus-Comicstrip, sondern betätigte sich auch als [[Drehbuchautor]] und Produzent. In den 1950er Jahren begann Walsh damit, seine Arbeit im Film- und Fernsehbereich zu intensivieren, und schrieb mehrere Fernsehsendungen. Der ehemalige PR-Agent wurde von [[Walt Disney]] zunächst noch gebeten, zwei Weihnachtsspecials zu produzieren, die im Prinzip lange Werbefilme für Disneys neuesten Zeichentrickfilm [[Alice im Wunderland (1951)|Alice im Wunderland]] (1951) und allgemein für das Unternehmen waren. Die dabei entstandenen Fernsehshows ''[[One Hour in Wonderland]]'' (1950) und ''[[The Walt Disney Christmas Show]]'' (1951) begeisterten Walsh so sehr für das Thema Film, dass er weitere Produktionen in Anspruch nahm.<ref name="FGLANDRAE>[[Thomas Andrae]]: Von Mäusen und Menschen. [[Floyd Gottfredson Library 12]], Egmont Ehapa Media, Berlin 2022, S. 11–12;</ref> | [[Bill Walsh]], der seit 1943 bei den [[TWDC|Disney-Studios arbeitete]], schrieb nicht nur von 1943 bis 1962 den Micky-Maus-Comicstrip, sondern betätigte sich auch als [[Drehbuchautor]] und Produzent. In den 1950er Jahren begann Walsh damit, seine Arbeit im Film- und Fernsehbereich zu intensivieren, und schrieb mehrere Fernsehsendungen. Der ehemalige PR-Agent wurde von [[Walt Disney]] zunächst noch gebeten, zwei Weihnachtsspecials zu produzieren, die im Prinzip lange Werbefilme für Disneys neuesten Zeichentrickfilm [[Alice im Wunderland (1951)|Alice im Wunderland]] (1951) und allgemein für das Unternehmen waren. Die dabei entstandenen Fernsehshows ''[[One Hour in Wonderland]]'' (1950) und ''[[The Walt Disney Christmas Show]]'' (1951) begeisterten Walsh so sehr für das Thema Film, dass er weitere Produktionen in Anspruch nahm.<ref name="FGLANDRAE>[[Thomas Andrae]]: Von Mäusen und Menschen. [[Floyd Gottfredson Library 12]], Egmont Ehapa Media, Berlin 2022, S. 11–12;</ref> | ||
Da die zwei Werbefilme ein durchschlagender Erfolg waren, betraute Disney Walsh als Produzenten für die wöchentliche Fernsehsendung ''[[Disneyland (Show)|Disneyland]]'', die ab 1954 erschien. In dieser Sendung, die von 19:30 Uhr bis 20:30 Uhr im amerikanischen Fernsehsender [[ABC]] ausgestrahlt wurde, konnten nicht nur die neuesten Filme beworben werden, sondern auch der [[Disneyland Resort#Entstehung|neu entstandene Freizeitpark]] im kalifornischen Anaheim, der 1955 eröffnet wurde und in den Walt Disney zeitlebens viel Aufwand steckte. Gleichzeitig wurde Walsh – der schon Schwierigkeiten damit hatte, genug Material für ''Disneyland'' aufzutreiben – auch noch damit beauftragt, die [[Fernsehsendung|Fernsehreihe]] ''[[The Mickey Mouse Club]]'' (1955–1959) zu verantworten. Insgesamt brachte Walsh Mitte und Ende der 1950er Jahre also einen guten Teil seiner Zeit damit zu, Fernsehskripte zu schreiben bzw. Ideen für Fernsehsendungen zu sammeln und als Produzent den Überblick zu behalten. Der Micky-Maus-Comicstrip, den er währenddessen immer noch schrieb, geriet also in den Hintergrund.<ref name="FGLANDRAE></ref> | Da die zwei Werbefilme ein durchschlagender Erfolg waren, betraute Disney Walsh als Produzenten für die wöchentliche Fernsehsendung ''[[Disneyland (Show)|Disneyland]]'', die ab 1954 erschien. In dieser Sendung, die von 19:30 Uhr bis 20:30 Uhr im amerikanischen Fernsehsender [[ABC]] ausgestrahlt wurde, konnten nicht nur die neuesten Filme beworben werden, sondern auch der [[Disneyland Resort#Entstehung|neu entstandene Freizeitpark]] im kalifornischen Anaheim, der 1955 eröffnet wurde und in den Walt Disney zeitlebens viel Aufwand steckte. Gleichzeitig wurde Walsh – der schon Schwierigkeiten damit hatte, genug Material für ''Disneyland'' aufzutreiben – auch noch damit beauftragt, die [[Fernsehsendung|Fernsehreihe]] ''[[The Mickey Mouse Club (1955)|The Mickey Mouse Club]]'' (1955–1959) zu verantworten. Insgesamt brachte Walsh Mitte und Ende der 1950er Jahre also einen guten Teil seiner Zeit damit zu, Fernsehskripte zu schreiben bzw. Ideen für Fernsehsendungen zu sammeln und als Produzent den Überblick zu behalten. Der Micky-Maus-Comicstrip, den er währenddessen immer noch schrieb, geriet also in den Hintergrund.<ref name="FGLANDRAE></ref> | ||
Zur besseren Unterscheidung der genannten Begriffe beziehungsweise Titel ist unten eine Grafik abgebildet, die veranschaulicht, welchen Aktivitäten Bill Walsh in den 1950er Jahren nachgegangen ist. Insgesamt beschäftigte er sich bis zur Entstehung von ''Klein-Davy'' mit drei Fernsehsendungen. | Zur besseren Unterscheidung der genannten Begriffe beziehungsweise Titel ist unten eine Grafik abgebildet, die veranschaulicht, welchen Aktivitäten Bill Walsh in den 1950er Jahren nachgegangen ist. Insgesamt beschäftigte er sich bis zur Entstehung von ''Klein-Davy'' mit drei Fernsehsendungen. | ||
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Die überzeugenden und überaus positiven Rückmeldungen bekräftigten Walsh darin, Teile der Fernsehserie auch für den Comic zu adaptieren. Damit tat er gleich mehrere sinnvolle Dinge: Erstens sparte er sich Zeit und Arbeit, zweitens konnte er auf ein beliebtes Konzept setzen und dadurch sichergehen, dass auch der Comic gut ankommen würde und drittens war die [[Comicstrip]]-Geschichte die ideale Werbung für die Fernsehserie. Von Juni bis Oktober 1955 bevölkerte damit auch eine Comic-Figur namens Klein-Davy den Micky-Maus-Comicstrip, zwischen dem dritten und vierten Teil der Davy-Crockett-Miniserie, die es insgesamt auf fünf Episoden bringen sollte.<ref>[https://en.wikipedia.org/wiki/Davy_Crockett_(miniseries) Artikel zur Davy-Crockett-Miniserie in der englischsprachigen Wikipedia];</ref> Letztendlich bleibt aber – wie so oft bei Walsh – unklar, um was für eine Person es sich im Comic genau handelt: Ist der kleine Junge einfach nur ein modernes, von Crockett oder vielleicht sogar der Fernsehserie besessenes Kind, eine Reinkarnation des echten Westernhelden<ref name="FGLANDRAE></ref> oder handelt es sich womöglich um einen Zeitreisenden des 19. Jahrhunderts? Jedenfalls gelingt es Walsh mit der Kreation des jungen Davy auf ideale Weise, die Zielgruppe der Davy-Crockett-Filme anzusprechen, die ja ebenfalls Kinder sind.<ref name="FANNING">[[Jim Fanning]]: »Davy … Klein-Davy … Ein Freund bis zum bitteren Ende!« Floyd Gottfredson Library 12, Egmont Ehapa Media, Berlin 2022, S. 224;</ref> | Die überzeugenden und überaus positiven Rückmeldungen bekräftigten Walsh darin, Teile der Fernsehserie auch für den Comic zu adaptieren. Damit tat er gleich mehrere sinnvolle Dinge: Erstens sparte er sich Zeit und Arbeit, zweitens konnte er auf ein beliebtes Konzept setzen und dadurch sichergehen, dass auch der Comic gut ankommen würde und drittens war die [[Comicstrip]]-Geschichte die ideale Werbung für die Fernsehserie. Von Juni bis Oktober 1955 bevölkerte damit auch eine Comic-Figur namens Klein-Davy den Micky-Maus-Comicstrip, zwischen dem dritten und vierten Teil der Davy-Crockett-Miniserie, die es insgesamt auf fünf Episoden bringen sollte.<ref>[https://en.wikipedia.org/wiki/Davy_Crockett_(miniseries) Artikel zur Davy-Crockett-Miniserie in der englischsprachigen Wikipedia];</ref> Letztendlich bleibt aber – wie so oft bei Walsh – unklar, um was für eine Person es sich im Comic genau handelt: Ist der kleine Junge einfach nur ein modernes, von Crockett oder vielleicht sogar der Fernsehserie besessenes Kind, eine Reinkarnation des echten Westernhelden<ref name="FGLANDRAE></ref> oder handelt es sich womöglich um einen Zeitreisenden des 19. Jahrhunderts? Jedenfalls gelingt es Walsh mit der Kreation des jungen Davy auf ideale Weise, die Zielgruppe der Davy-Crockett-Filme anzusprechen, die ja ebenfalls Kinder sind.<ref name="FANNING">[[Jim Fanning]]: »Davy … Klein-Davy … Ein Freund bis zum bitteren Ende!« Floyd Gottfredson Library 12, Egmont Ehapa Media, Berlin 2022, S. 224;</ref> | ||
== Historische Hintergründe == | |||
Die Handlung von ''Klein-Davy'' spielt zwar im [https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinigte_Staaten Amerika] der 1950er Jahre, setzt aber Bezüge zur amerikanischen Geschichte und zur Fernsehsendung, die es wert sind, genauer untersucht zu werden. So werden in ''Frontierland'', einem Teil der Fernsehserie ''[[Disneyland (Show)|Disneyland]]'', einige Erlebnisse des US-amerikanischen Volkshelden [https://de.wikipedia.org/wiki/Davy_Crockett Davy Crockett] behandelt. Da die Fernsehserie als wichtige Grundlage für die Comicgeschichte gilt und auf die Comicfigur Klein-Davy einige Charaktereigenschaften übertragen wurden, die auch der echte Davy Crockett hatte, ist es nicht unangebracht, sich die historischen Gegebenheiten vor Augen zu führen. | |||
=== Der Volksheld Davy Crockett === | |||
Die historische Persönlichkeit, auf der alle Disney-Geschichten basieren, hieß mit ursprünglichem Namen Davy de Crocketagne und wurde am 17. August 1786 als fünftes von neun Kindern geboren. Seine Ahnen waren französische [https://de.wikipedia.org/wiki/Hugenotten Hugenotten], die sich gezwungen sahen, das Land aufgrund der Reformation und damit verbundenen [https://de.wikipedia.org/wiki/Hugenottenkriege Kriege] zu verlassen.<ref name="FANDOM">[https://diegeheimnissedesnicholasflamel.fandom.com/de/wiki/Davy_Crockett Artikel zu Davy Crockett im Fandom-Wiki];</ref> Über Umwege in Irland – wo ein weiterer Vorfahre den Familiennamen in „Crockett“ änderte – wanderte die Familie nach Nordamerika aus, wo mit dem 1709 geborenen William David Crockett die amerikanische Linie der Crocketts begann.<ref name="ZAUBERSPIEGEL">[https://www.zauberspiegel-online.de/index.php/zauberstern-kolumnen-mainmenu-75/eine-frage-an/36962-eine-frage-an-dietmar-kuegler-wie-war-das-mit-david-crockett Artikel zu Davy Crockett im Zauberspiegel-online];</ref> Schließlich wurde Davy Crockett in [https://de.wikipedia.org/wiki/Greene_County_(Tennessee) Greene County] geboren, im nur vier Jahre existierenden [https://de.wikipedia.org/wiki/State_of_Franklin State of Franklin]. Davy war schon als Kind sehr auf die Natur fokussiert und wuchs zu einem echten Hinterwäldler heran, der lernte, mit dem Gewehr umzugehen, und auf Bärenjagd ging, um die Familie zu versorgen. Davy wurde zu einem angesehenen Jäger.<ref name="ZAUBERSPIEGEL"></ref> | |||
Die nächsten Jahre verliefen relativ unauffällig. Nach einer abgebrochenen Schullaufbahn zog es Davy vor, als Rancher und Frachtwagenlenker zu helfen und begann eine Lehre als Hutmacher. Dabei lernte er die Nichte seines Arbeitgebers John Canady kennen. Am 16. August 1806 heiratete er dann seine erste Frau Amy Summer, mit der er drei Kinder bekam. Weil seine erste Frau 1815 verstarb, heiratete er daraufhin die Witwe Elizabeth Patton, mit der er vier weitere Kinder hatte.<ref name="WIKIBRIEF">[https://deutsch.wikibrief.org/wiki/Davy_Crockett Artikel zu Davy Crockett bei Wikibrief];</ref> Insgesamt bekam Davy Crockett also sieben Kinder. Nachdem er 1812 kurzzeitig in der Miliz im [https://de.wikipedia.org/wiki/Britisch-Amerikanischer_Krieg Krieg] gegen [https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinigtes_K%C3%B6nigreich England] gedient hatte, und sich 1813 als Scout eines berittenen Schützenregiments verpflichtete, wurde er bald darauf zum Lieutenant Colonel des 75. Tennessee-Regiments gewählt, behielt dieses Amt allerdings nur kurz inne. Erst auf Anraten seiner Nachbarn hin kandidierte er um einen Sitz im Staatsparlament von Tennessee und wurde 1821 überraschend ins Amt gewählt. 1826 und 1828 wurde er von seinem Wahlbezirk aus sogar ins [https://de.wikipedia.org/wiki/Repr%C3%A4sentantenhaus_der_Vereinigten_Staaten US-Repräsentantenhaus] gewählt, wo er als authentisch wahrgenommen wurde und sich für einfache Bürger einsetzte.<ref name="ZAUBERSPIEGEL"></ref> So stärkte er unter anderem die Rechte sogenannter Squatter, die illegal auf Grundstücken lebten – weil sie kein Land besaßen, durften sie sich damals auch keins kaufen und steckten in einem Teufelskreis.<ref name="FANDOM"></ref> | |||
Allerdings geriet Davy Crockett, der sich von nun an ernsthaft an politischen Themen interessierte, schnell in Konflikt mit anderen Politikern. Allen voran legte er sich mit dem damaligen US-Präsidenten [https://de.wikipedia.org/wiki/Andrew_Jackson Andrew Jackson] an, der die damals in den USA siedelnden Indianer nicht als Menschen sah, sondern sie bekanntermaßen hasste. Jackson schaffte es, 1830 den sogenannten „[https://de.wikipedia.org/wiki/Indian_Removal_Act Indian Removal Act]“ durch Senat und Repräsentantenhaus zu bringen, der es im Prinzip ermöglichte, die Indianer schadenersatzlos zu vertreiben.<ref>[https://de.wikipedia.org/wiki/Andrew_Jackson Wikipedia-Artikel zu Andrew Jackson];</ref> Davy Crockett sprach sich gegen eine Vertreibung und für eine friedliche Koexistenz mit den Indianern aus, was sich allerdings negativ auf seine Beliebtheitswerte auswirkte und ihm 1830 den Platz im Repräsentantenhaus kostete. Doch schon bei den folgenden Wahlen 1833 gelang es ihm wieder, ins Parlament zu aufzurücken. Als er dort erneut versuchte, sein Gesetz zur Verbesserung der Situation, in der sich die Squatters befanden, einzubringen, scheiterte er erneut und verlor endgültig den Platz im Kongress – auch, weil er zwischenzeitlich viel Zeit damit verbrachte, seine Biographie zu verfassen.<ref name="WIKIBRIEF"></ref> | |||
Eine von Davy Crocketts letzten Unternehmungen bestand in einer Reise nach Texas, das damals noch kein eigener Staat und von Mexiko abhängig war. Er entschloss sich dazu, sich an einer Revolution der Texaner gegen Mexiko zu beteiligen, einerseits, weil er seine politischen Ambitionen nicht umsetzen konnte und andererseits, weil er so vielleicht zu Ruhm oder Geld kommen könnte, denn er lebte mit seiner Familie in Armut.<ref name="FANDOM"></ref> Crockett brach am 31. Oktober 1835 mit mehreren Freunden auf und schloss sich weiteren Aufständischen an. Letztendlich starb Davy Crockett bei der [https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Alamo Schlacht von Alamo] im März 1836, wobei Historiker heute vermuten, dass der mexikanische General der Schlacht, Manuel Fernández Castrillón, Davy Crockett und weitere angesehene Personen festnehmen und hinrichten ließ.<ref>[https://de.wikipedia.org/wiki/Davy_Crockett Wikipedia-Artikel zu Davy Crockett];</ref> Bis dahin war Crockett schon als Idol bekannt, der von Zeitungen als „König der Wilden Grenze“ bezeichnet wurde. Sein vermeintlicher Tod in einer Schlacht machte ihn endgültig zu einer mit Legenden aufgeladenen Person und US-amerikanischem Volkshelden.<ref name="ZAUBERSPIEGEL"></ref> | |||
=== Bezüge zur Legende und anderen Geschichten, Bezüge zur Fernsehserie === | |||
Western-Geschichten gab es bei [[Floyd Gottfredson]] schon häufiger. Bekannte Vertreter dieses Genres sind etwa ''[[Der Fledermausbandit von Inferno Gulch]]'' (1934) oder ''[[Die Revolverhelden von Nugget Gulch]]'' (1937), wobei in ''Klein-Davy'' zwar auch der [https://de.wikipedia.org/wiki/Wilder_Westen Wilde Westen] behandelt wird, allerdings in einem völlig anderen Kontext, als dies bisher der Fall war. Denn während die erstgenannten Geschichten in einer ganz anderen Umgebung spielen, ereignet sich die Handlung bei ''Klein-Davy'' mitten in der Vorstadt und wird zu einem beträchtlichen Teil nur von Klein-Davy selbst vorangetrieben. In jener Geschichte ist es also nicht das Setting und Drumherum, das ein stimmiges Gesamtergebnis kreiert, sondern es ist Klein-Davy, der wie eine Art Störfaktor ein in sich funktionierendes System durchkreuzt – mit einem völlig anderen Endergebnis. | |||
Davy verkörpert zu nicht unerheblichen Teilen den oben erwähnten amerikanischen Volkshelden. Der kleine Junge trägt wie selbstverständlich ein Gewehr bei sich, ist mit einer auf das Überleben angepassten Kleidung versehen und geht auf Bärenjagd, ganz wie sein historisches Vorbild; passend dazu nennt er sich auch Davy Crockett. Davy hat ständig Angst vor Indianern und ist immer auf der Hut vor einem Indianerüberfall, womit ganz eindeutig auf die Geschichte angespielt wird. Der echte Davy Crockett mag zwar ein anderes, freundschaftlicheres Verhältnis zu Indianern gehabt zu haben, teilt die Beziehung zu ihnen aber allgemein auch mit seinem modernen Nachfolger. Und im Grunde ist der im Herzen gutmütig – schließlich bietet er Herrn Marke, dem Postboten, der von indianischer Abstammung ist, nach einem unangenehmen Zwischenfall sofort die Freundschaft an. Damit vereint Klein-Davy wie sein Vorbild eine gute Beziehung zu und Verständnis für Minderheiten. | |||
Abseits dessen ist interessant, wie viele geschichtliche Bezüge [[Bill Walsh]] in seine Fernsehserie mit aufgenommen hat, die dann auch den Comic-Davy mit beeinflusst haben. So enthalten die eingangs erwähnten Storyboards Ideen für ein Tomahawkduell mit einem Seminolenhäuptling, wobei die Seminolen ein Volk waren, das zur Zeit des echten Davy Crockett lebte und in drei vernichtenden Kriegen in ein westlicher gelegenes Indianerterritorium umgesiedelt wurde. Die Diskussion mit Präsident Jackson über diese Zwangsumsiedlung hat es fast eins zu eins auch in der Realität gegeben. Und auch in der Comicgeschichte wird die Umsiedlung zumindest in etwas scherzhafter und entfremdeter Form wieder aufgegriffen, als Mack und Micky vom Fernseher zu Bett gehen sollen. Bei Mack liegt auf der Hand, dass er als Kind nicht zu lange wach bleiben sollte, doch bei Micky, einem Erwachsenen, erscheint die Anweisung umso fraglicher, zumal Klein-Davy ja selbst noch ein Kind ist und damit auch die klassische Rollenverteilung durcheinanderbringt. Micky fragt sich anschließend, warum er nicht weiter fernsehen darf, obwohl er als Erwachsener eigentlich das Recht dazu hätte. Diese Thematik lässt sich auch auf die Auseinandersetzung mit den Seminolen im 19. Jahrhundert beziehen, bei der die Indianer ebenfalls keinen Grund sahen, warum sie ihr Land, das sie seit mehreren Jahrhunderten bevölkerten, verlassen sollten. In ''Klein-Davy'' gibt es also Bezüge zu konkreten Ereignissen in der amerikanischen Vergangenheit, die auf die damals modernen Diskussionen übertragen wurden – in den 1950er Jahren nur logisch das Fernsehen, das sich damals einer raschen Expansion erfreute. | |||
Neben diesen Bezügen ist interessant, dass sich Walsh und Gottfredson erst vor relativ kurzer Zeit mit ähnlichen Dingen beschäftigt hatten, nämlich in der Geschichte ''[[Onkel Gerald]]'', die 1954 in den Tageszeitungen erschien und ein paar Jahre später ansetzt. Onkel Gerald selbst sagt aus, bei kriegerischen Auseinandersetzungen des letzten Jahrhunderts beteiligt gewesen zu sein, und zeigt Micky ein Fotoalbum, in dem ein Foto enthalten ist, das auf 1864 zurückdatiert. Zudem schleppt Gerald wenig später seinen Freund, einen Indianer, bei Micky an, den er wie einen Leibeigenen behandelt und der einen weiteren Bezug zu den Indianerkriegen herstellt. Insgesamt zeigen die zahlreichen Verweise und Ähnlichkeiten sowohl zwischen der Geschichte des echten Davy Crockett zur Fernsehserie als auch zu ''Klein-Davy'', dass Ereignisse aus dieser Zeit damals noch tief im Bewusstsein der US-Bürger verwurzelt waren. Die mehrfache Wiederverwendung des Volkshelden und Zurückführung auf die Landesgeschichte zeigen, dass diese Ereignisse für die Menschen in den 1950ern Jahren eine beachtliche Wichtigkeit hatten – zumal die Thematik bis heute aktuell ist, da indigene Nachfahren immer noch um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen müssen.<ref>[https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2020/12/red-power-amerikas-indigene-staemme-kaempfen-bis-heute-um-souveraenitaet Artikel zur indigenen Nachkommen bei National Geographic];</ref> | |||
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Ironischerweise hat damit das Fernsehen als Inspiration für Mickys letztes Gottfredson-Abenteuer gedient. Außerdem war es Walsh und Gottfredson nicht möglich, ''Klein-Davy'' so abzuschließen, wie sie es geplant haben mögen, da die Anordnung von King Features mitten in der Produktionsphase erging.<ref name="FANNING"></ref> [[Walt Disney]] hätte zwar theoretisch die Möglichkeit gehabt, der Anordnung zu widersprechen, wie beispielsweise | Ironischerweise hat damit das Fernsehen als Inspiration für Mickys letztes Gottfredson-Abenteuer gedient. Außerdem war es Walsh und Gottfredson nicht möglich, ''Klein-Davy'' so abzuschließen, wie sie es geplant haben mögen, da die Anordnung von King Features mitten in der Produktionsphase erging.<ref name="FANNING"></ref> [[Walt Disney]] hätte zwar theoretisch die Möglichkeit gehabt, der Anordnung zu widersprechen, wie beispielsweise 1933 bei der Alligatorszene in ''[[Burg Unfried]]'', zog diese Option allerdings nicht in Erwägung. Floyd Gottfredson bedauerte den Einschnitt zutiefst und wäre lieber „zu irgendeiner Art von Kontinuität zurückgekehrt“. Er hatte das Gefühl, dass der Micky-Maus-Comicstrip in der Folge deutlich an Popularität einbüßte, zeichnete ihn jedoch noch 20 Jahre weiter, bis zu seiner Pensionierung am 1. Oktober 1975.<ref name="FGLANDRAE></ref> | ||
=== Was folgte danach? === | === Was folgte danach? === | ||
Die danach folgenden Gag-A-Day-Comicstrips fokussierten sich zwar wieder auf [[Micky Maus]], zeigten den einstigen Abenteuerhelden aber von einer gezähmten Seite und ohne viel Biss. Laut Einschätzung von Fans und anerkannten Disney-Experten endete mit der letzten Fortsetzungsgeschichte 1955 eine große Phase mit guten Geschichten, an deren Beliebtheit die Gag-A-Days nur noch bedingt anknüpfen konnten. Die ungefähr 20 in Band 12 der ''[[Floyd Gottfredson Library]]'' nachgeschobenen Daily-Strips veranschaulichen, auch durch Begleittexte des Redakteurs [[Fabian Gross]], recht gut, dass Micky nach 1955 als ein anderer Charakter wahrgenommen werden kann.<ref>[[Fabian Gross]]: Die Comicabteilung bei der Arbeit: Die Gag-a-Day-Jahre. Floyd Gottfredson Library 12, Egmont Ehapa Media, Berlin 2022, S. 300;</ref> [[Klein-Davy]] und [[Jiminy Grille|Jiminy Crockett]] bevölkerten den Strip noch eine Weile und verschwanden erst mit Abklingen des Davy-Crockett-Hypes 1956 ohne Erklärung. In den Comicheften trat Klein-Davy in seinen Geschichten manchmal an der Seite von [[Klein-Adlerauge]] auf.<ref name="2719hyperion">Jeffrey Pepper: „What a Character! – Li’l Davy“. [http://2719hyperion.blogspot.com/2006/12/what-character-lil-davy.html Internet-Blogeintrag], 27.12.2006;</ref> | Die danach folgenden Gag-A-Day-Comicstrips fokussierten sich zwar wieder auf [[Micky Maus]], zeigten den einstigen Abenteuerhelden aber von einer gezähmten Seite und ohne viel Biss. Laut Einschätzung von Fans und anerkannten Disney-Experten endete mit der letzten Fortsetzungsgeschichte 1955 eine große Phase mit guten Geschichten, an deren Beliebtheit die Gag-A-Days nur noch bedingt anknüpfen konnten. Die ungefähr 20 in Band 12 der ''[[Floyd Gottfredson Library]]'' nachgeschobenen Daily-Strips veranschaulichen, auch durch Begleittexte des Redakteurs [[Fabian Gross]], recht gut, dass Micky nach 1955 als ein anderer Charakter wahrgenommen werden kann.<ref>[[Fabian Gross]]: Die Comicabteilung bei der Arbeit: Die Gag-a-Day-Jahre. Floyd Gottfredson Library 12, Egmont Ehapa Media, Berlin 2022, S. 300;</ref> [[Klein-Davy]] und [[Jiminy Grille|Jiminy Crockett]] bevölkerten den Strip noch eine Weile und verschwanden erst mit Abklingen des Davy-Crockett-Hypes 1956 ohne Erklärung. Interessanterweise gab es vom 16. bis zum 21. November 1955, also einige Zeit nach dem Ende von ''Klein-Davy'', noch eine Art nachgeschobene Kurzgeschichte, in der Davy Crockett einen Bären mit zu Micky bringt, der den Haushalt ordentlich durcheinanderwirbelt. Die insgesamt nur fünf Strips, sie sich mit dem Bären beschäftigen, enden mit der vermeintlich entspannenden Pointe, dass Davy den Bären wieder weggebracht hat und Micky dadurch wieder in Ruhe ist, dafür aber eine gefährlich anmutende Katze hergeholt hat. Danach gab es keine solcher Mini-Geschichten mehr, weswegen man soweit gehen könnte, diese Bär-Geschichte als absolut letzte Fortsetzungsgeschichte zu bezeichnen. | ||
In den Comicheften trat Klein-Davy in seinen etwa zehn weiteren Geschichten manchmal an der Seite von [[Klein-Adlerauge]] auf, womit Davys Wohnort auch mit dem [[Entenhausener Wäldchen]] in Verbindung gebracht werden kann. Klein-Davy hat es immerhin geschafft, noch ein Comeback hinzulegen, was nicht allen Figuren aus der Spätphase der Abenteuergeschichten gelungen ist. Gleichwohl bemängelte ein Fan, dass Davy nicht so in Erinnerung geblieben ist wie zum Beispiel [[Gamma]] oder [[Patrizia]], weil Davy in einer anderen Zeit stecken und demnach nicht ins Schema heutiger Geschichten passen würde.<ref name="2719hyperion">Jeffrey Pepper: „What a Character! – Li’l Davy“. [http://2719hyperion.blogspot.com/2006/12/what-character-lil-davy.html Internet-Blogeintrag], 27.12.2006;</ref> | |||
Erst nach der Einführung von Klein-Davy fand auch Disneys Davy Crockett seinen Weg in die Zeitungsstrips: Die Sonntagscomicreihe „The Legends of Davy Crockett“ wurde entwickelt, welche nur wenige Wochen versetzt auch in Deutschland unter dem Titel „David Crockett und die Indianer“ im ''[[Hamburger Abendblatt]]'' veröffentlicht wurde. In den USA und in Deutschland lief die Reihe von 1955 bis 1956.<ref>[https://inducks.org/story.php?c=ZT+009 Inducks-Eintrag] zur Geschichte „The Legends of Davy Crockett“;</ref> | Erst nach der Einführung von Klein-Davy fand auch Disneys Davy Crockett seinen Weg in die Zeitungsstrips: Die Sonntagscomicreihe „The Legends of Davy Crockett“ wurde entwickelt, welche nur wenige Wochen versetzt auch in Deutschland unter dem Titel „David Crockett und die Indianer“ im ''[[Hamburger Abendblatt]]'' veröffentlicht wurde. In den USA und in Deutschland lief die Reihe von 1955 bis 1956.<ref>[https://inducks.org/story.php?c=ZT+009 Inducks-Eintrag] zur Geschichte „The Legends of Davy Crockett“;</ref> | ||
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*[[Walt Disney]] selbst befürwortet persönlich die Aufnahme von Klein-Davy in die Comicstrips. 1955 posierte er sogar mit einem Pappaufsteller des Charakters im Disneyland-Vergnügungsparks.<ref name="FGLANDRAE></ref> | *[[Walt Disney]] selbst befürwortet persönlich die Aufnahme von Klein-Davy in die Comicstrips. 1955 posierte er sogar mit einem Pappaufsteller des Charakters im Disneyland-Vergnügungsparks.<ref name="FGLANDRAE></ref> | ||
*Die ersten drei Teile der Fernsehserie wurden auch in einer Filmversion veröffentlicht: [[Davy Crockett, König der Trapper]]. | *Die ersten drei Teile der Fernsehserie wurden auch in einer Filmversion veröffentlicht: [[Davy Crockett, König der Trapper]]. | ||
*Bei dieser Geschichte lässt sich besonders gut erkennen, dass [[Floyd Gottfredson]] in der Regel sehr feine Tuschelinien gezogen hat, diese aber oft nicht so gut wiedergegeben werden. Bei den Strips von Mitte September sieht man hingegen, dass die Linien sehr fein gezogen worden sind. Dass die Linien meist nicht so scharf wiedergegeben werden, liegt daran, dass als Quelle für den Abdruck in der ''Floyd Gottfredson Library'' die in den Archiven vorhandenen Kopien der damaligen Originalstrips verwendet wurden, die meistens an Qualität eingebüßt haben.<ref>Fotos zeigen Gottfredson, wie er im Archiv steht und einen Archivband hochhält. Für die ''Floyd Gottfredson Library'' mussten die Herausgeber mühsam die Strips aus den Archiven zusammensuchen, weswegen die Qualität zweitrangig war.</ref> Die immer noch unterschiedlich dicken Tuschelinien sind allerdings von Gottfredson bewusst so angelegt worden, da er verschiedene Tuschefedern benutzte – für sehr feine Linien möglichst neue und für dickere Linien, wie Panelumrandungen, ältere.<ref>Interview mit [[Floyd Gottfredson]] in: The Illustrator, Artikel „Mickey Mouse and me“, 1976, S. 30.</ref> | *Bei dieser Geschichte lässt sich besonders gut erkennen, dass [[Floyd Gottfredson]] in der Regel sehr feine Tuschelinien gezogen hat, diese aber oft nicht so gut wiedergegeben werden. Bei den Strips von Mitte September sieht man hingegen, dass die Linien sehr fein gezogen worden sind. Dass die Linien meist nicht so scharf wiedergegeben werden, liegt daran, dass als Quelle für den Abdruck in der ''Floyd Gottfredson Library'' die in den Archiven vorhandenen Kopien der damaligen Originalstrips verwendet wurden, die meistens an Qualität eingebüßt haben.<ref>Fotos zeigen Gottfredson, wie er im Archiv steht und einen Archivband hochhält. Für die ''Floyd Gottfredson Library'' mussten die Herausgeber mühsam die Strips aus den Archiven zusammensuchen, weswegen die Qualität zweitrangig war.</ref> Die immer noch unterschiedlich dicken Tuschelinien sind allerdings von Gottfredson bewusst so angelegt worden, da er verschiedene Tuschefedern benutzte – für sehr feine Linien möglichst neue und für dickere Linien, wie Panelumrandungen, ältere.<ref>Interview mit [[Floyd Gottfredson]] in: The Illustrator, Artikel „Mickey Mouse and me“, 1976, S. 30.</ref> | ||
*Die Davy-Crockett-Episoden erschienen auch auf der DVD ''[[Walt Disney Treasures: Davy Crockett]]''. | *Die Davy-Crockett-Episoden erschienen auch auf der DVD ''[[Walt Disney Treasures: Davy Crockett]]''. | ||